Gesundheits-Apps werden immer beliebter. Die Anzahl der Anwendungen ist riesig. Doch wie kann ich gute von schlechten Gesundheits-Apps unterscheiden? Das Bochumer ZTG Zentrum für Telematik und Telemedizin GmbH kümmert sich im Auftrag der nordrhein-westfälischen Landesregierung um die Digitalisierung im Gesundheitsbereich. Veronika Strotbaum ist Expertin für Gesundheits-Apps. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Marc Beckers gibt sie Tipps.

Wie kann ich als Laie eine gute Gesundheits-App erkennen?

Strotbaum: Wenn man sich eine App heruntergeladen hat, gibt es verschiedene Kriterien, die man beachten sollte. Das erste ist, dass die App natürlich darüber aufklären sollte, was ihr Sinn ist, an wen sie sich richtet, welches Ziel die Anwendung verfolgt, die regelmäßige Erinnerung an Medikamente oder Vorsorgetermine könnte beispielsweise ein solches Ziel sein.
Als nächstes ist wichtig, dass eine Datenschutzerklärung vorhanden ist, die darüber aufklärt, welche Daten von dem Nutzer erhoben werden und was grundsätzlich mit diesen Daten geschieht. Weiterhin sollte die App ein Impressum enthalten, bei dem sämtliche Kontaktdaten des Anbieters hinterlegt sind, damit ich als Nutzer weiß, wer sich hinter der App verbirgt und an wen ich mich bei Fragen wenden kann.
Außerdem ist das Finanzierungsmodell wichtig: muss ich für die App zahlen? Oftmals kosten Apps ungefähr 2-5 €. Auch gibt es Modelle, bei denen der Nutzer monatlich eine Gebühr bezahlt. Apps, die umsonst sind, finanzieren sich häufig über Werbung und/oder geben Ihre Daten womöglich an andere weiter, das sollte man natürlich im Hinterkopf behalten. Gleichzeitig bedeutet das im Umkehrschluss natürlich nicht, dass kostenpflichtige Apps per se sicher sind.

Ist sofort erkennbar, ob es sich um eine seriöse App handelt?

Strotbaum: Auf den ersten Blick ist das schwierig zu erkennen. Muss ich mich für die App registrieren? Muss ich meinen echten Namen angeben? Muss ich direkt Gesundheitsangaben machen wie Puls, Gewicht, Symptome etc.?

Das ist dann gut?

Strotbaum: Die Frage ist: macht das Sinn? Wenn ich über die App regelmäßig Kontakt zu meinem Arzt halte, ist es vielleicht noch nachvollziehbar, aber wenn die App nur für mich persönlich nutzbar ist, macht das ja nicht immer Sinn, dass ich mich registrieren muss. Wenn ich aufgefordert werde, eine Mail-Adresse anzugeben, sollte ich darauf achten, dass meine Registrierung dann auch via Mail bestätigt werden muss.

Viele Apps wollen Zugriff auf meinen Standort, was halten Sie davon?

Strotbaum: Wenn ich eine Pollenvorhersage für meinen Wohnort haben möchte, ist es sinnvoll, den Standort anzugeben, aber wenn es eine App ist, die mich an Medikamente erinnert, ist das fragwürdig. Und wenn die App dann auch noch auf Ihre Bilder, Ihr Telefonbuch und Ihre Kontakte zugreifen möchte, sollten Sie misstrauisch werden.

Inwiefern beschäftigt sich das ZTG Zentrum für Telematik und Telemedizin GmbH mit Gesundheits-Apps?

Strotbaum: Wir veröffentlichen gemeinsam mit Fachgesellschaften wie der Diabetes-Fachgesellschaft und auch zusammen mit Selbsthilfegruppen auf unserer Internetseite appcheck.de Gesundheits-Apps. Wir schauen, welche Apps ich für meine Erkrankung guten Gewissens verwenden kann und wir informieren darüber, worauf Bürger und Patienten bei der Auswahl von Gesundheits-Apps achten sollten.

Appcheck.de - was bietet diese Seite?

Beckers: Wir haben gemeinsam mit Fachgesellschaften und Patientenverbänden Apps bewertet und auf unseren Internetseiten hinterlegt. Momentan liegen die Schwerpunkte auf Pneumologie (Atemwegserkrankungen) und Diabetologie. Wir vom ZTG übernehmen die technische Prüfung der Apps, die medizinischen Inhalte werden von den Fachgesellschaften überprüft. Auf der Seite appcheck.de finden Sie Apps, die in der Praxis getestet und von Benutzern als gut empfunden worden sind.
Strotbaum: Darüber hinaus hat das Aktionsbündnis Patientensicherheit eine eigene Checkliste für Patienten herausgebracht (siehe Link am Ende des Artikels) und wir haben an der Checkliste mitgearbeitet.

Zertifiziert das ZTG die Apps? Es gibt ja auch Gütesiegel, was bringen diese?

Strotbaum: Im Prinzip ist die Siegel-Zertifizierung ein Gemeinschaftsprojekt. Für Diabetes- einerseits und Atemwegserkrankungen andererseits. Wir von der ZTG übernehmen die technisch-rechtliche Seite, die Fachgesellschaft übernimmt die medizinische Zweckbestimmung und die teilnehmenden Patientenvertreter schauen sich die Benutzerfreundlichkeit an. Wenn wir übereinkommen, dass das eine geeignete App ist, dann vergeben wir die beiden Siegel und stellen das auf appcheck.de ein und natürlich werden die Apps auch auf den Internetseiten der jeweiligen Fachgesellschaft vorgestellt.

Kann ich mich davor schützen, dass mich Pharmakonzerne, die hinter den Apps stehen, ködern?

Beckers: Es ist wichtig, sich vielleicht auch mal die Homepage der App bzw. des Anbieters anzugucken, wie transparent die sind. Wenn z.B. das Finanzierungsmodell gar nicht ersichtlich ist, weder in den AGBs noch in der Datenschutzerklärung und auch nicht auf der Homepage herauszufinden ist, wie die sich finanzieren, sollte man skeptisch sein. Bei vielen Anbietern steht klar und deutlich, welche Kooperationspartner dahinterstehen, wie diese sich finanzieren – das sollte man schnell herausfinden können, ohne seitenlang lesen zu müssen

Was ist, wenn eine App mir suggeriert, dass ich nur sie brauche und nicht zum Arzt gehen muss?

Strotbaum: Seriöse Anbieter von Apps achten alleine schon aus haftungsrechtlichen Gründen darauf, dass sie das ausschließen. Bei solchen Apps wird teils schon direkt nach Download gesagt, dass die App keinen Arztbesuch ersetzt. Wenn das nicht da steht, wenn irgendwelche Diagnosen erstellt werden, einfach aufgrund der Eingabe von Symptomen, dann sollte man Abstand nehmen von der App und sie schnell wieder deinstallieren.
Beckers: Eine App kann ja nur etwas Ergänzendes sein und nie etwas Ersetzendes. Das haben die seriösen Anbieter auch im Blick.

Kann eine Gesundheits-App für die Gesundheitskompetenz der Nutzer hilfreich sein?

Strotbaum: Eine App allein kann das natürlich nicht, weil sie die Behandlung und Betreuung nicht ersetzt. Ein Vorteil ist, dass ich z.B. erinnert werde, Werte wie den Blutdruck einzutragen. Oder ich kann mich über Krankheitsbilder informieren. Und was ganz wichtig ist, ist das Thema der Motivation. Viele Gesundheits-Apps bieten mittlerweile Auswertungsmöglichkeiten – Du hast Dich immer an Deine Behandlung gehalten, du hast dich heute soundso viel bewegt, soundso gut ernährt – zu sehen, was man geleistet hat, ist sicherlich eine gute Motivation

Gibt es Studien darüber, wie viele Menschen Gesundheits-Apps nutzen?

Strotbaum: Wenn man sagt, 30-40 Prozent der Deutschen nutzen Gesundheits-Apps theoretisch, dann ist das vielleicht ein realistischer Wert. Es gibt derzeit aber eher nur wenige Apps, die tatsächlich hohe Zahlen von über 5000 Downloads aufweisen.
Beckers: Aber es wird natürlich nicht erfasst, wie lange die Apps tatsächlich genutzt werden, sondern nur, wie oft sie heruntergeladen worden sind.

Wie ist die Akzeptanz bei den Ärzten?

Strotbaum: Das ist kein Selbstläufer. Aber die Akzeptanz steigt immer mehr, würde ich sagen. Wenn es um digital verfügbare Leitlinien geht oder um Nachschlagewerke – solche Sachen sind bei Ärzten im Kommen bzw. werden auch schon selbstverständlich im Praxis- und Klinikalltag verwendet. Die Digitalisierung wird immer mehr zunehmen und letztendlich führt aus unserer Sicht kein Weg daran vorbei.
Beckers: Wir stehen nicht mehr am Anfang. Der digitale Prozess schreitet voran, mittlerweile werden auch von Krankenkassen Gesundheits-Apps gefördert, weil sie dahinterstehen, weil sie sehen, dass man mit guten Apps die Behandlung mobil unterstützen kann.
Vielen Dank für das Gespräch!

Quelle: Medizinisches Qualitätsnetz Bochum
Bildnachweis: deutsche-apotheker-zeitung.de/©blankstock/stock.adobe.com